....Architektur in Österreich der 1980er und 1990er Jahre. ..ARCHITEKTUR IN ÖSTERREICH DER 1980ER UND 1990ER JAHRE....

....Andrea Kopranovic

Thesis supervisors:

Dipl.-Ing., Dr. techn. Oliver Schürer, TU Wien

..ANDREA KOPRANOVIC

Thesis supervisors:

Dipl.-Ing., Dr. techn. Oliver Schürer, TU Wien ....

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....abstract

Architekturklassen der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg unter Wieland Schmied (Arbeitstitel)

 

1.        Einleitung

Die angedachte Dissertation zum Thema „Architektur in Österreich der 1980er und 1990er Jahre – Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg unter Wieland Schmied“ (Arbeitstitel) wird in drei aufeinander aufbauenden Teilen erarbeitet. Zuerst erfolgt eine einleitende Basis mit der Geschichte der Institution der Sommerakademie bis 1980 und erweitert um Fragen zur Person sowie zum Direktor Wieland Schmied (1929-2014, 1981-1998). Der zweite Abschnitt geht davon aus, um sich in unterschiedlichen Feldern zu öffnen. Die Protagonisten der österreichischen Architektur mit ihren Klassen und darin erarbeiteten Themen behandeln noch eine interne Agenda. Mit der Betrachtung wirtschaftspolitischer Systeme wir die Beziehung von Stadt und Institution untersucht werden. Den weitesten Ausblick gibt die Frage nach dem nationalen und internationalen Diskursen, in denen die Architekturklassen sich womöglich bewegt haben – als ein zentraler Begriff wird dabei die Postmoderne dienen. Drittens ist die strategische Positionierung der Klasse in den 1980er Jahren an sich zu reflektieren, welche Schwierigkeiten, Chancen, Entwicklungsmöglichkeiten und Umbrüche sich daraus für die Institution, die Architektur der Stadt, den übergeordneten theoretischen Diskurs ergeben (haben).

 

1.1.     Fragestellung und Methode

Folgender Fragenkatalog dient zum Beginn der Untersuchung einer unverbindlich systematischen Erschließung unterschiedlichster Themenfelder, bevor daraus eine Hypothese entwickelt werden kann:

 

-      Welche Strategien verfolgte Wieland Schmied zur Weiterentwicklung von Oskar Kokoschkas Gründungsgedanken einer „Schule des Sehens“?

-      Entsteht, folgend auf die Ära Stuppäck, ein Bruch oder setzt sich eine Entwicklung unter anderen Vorzeichen fort?

-      War es nach der langfristigen Prägung durch Konrad Wachsmann (1956-1960) und Jacob Berend Bakema (1965-1969 und 1973-1975) Zeit für einen thematischen und didaktischen Wandel innerhalb der Architekturklassen?

-      Bevorzugte Schmied die Gruppe um Wilhelm Holzbauer, Gustav Peichl, Friedrich Achleitner und Friedrich Kurrent aus persönlichen Gründen oder hielt er deren Berufung für einen wertvollen Beitrag zum zeitgenössischen Diskurs?

-      Welcher Nationalität, oder viel wichtiger noch welcher Mentalität, gehörten die Architekten unter Schmied an, die kamen um – erstmals und bis heute einzigartig – neben der Praxis auch Architekturtheorie zu lehren?

-      Brachten die Lehrenden (erfolgreiche) Beispiele aus der eigenen Praxis mit in die Klassen? Brachten Sie den Schülern Themen und Theorien näher, die ihren eigenen Tendenzen auch zumal widersprachen? Was waren die Themen?

-      Welche Interaktionen zwischen Sommerakademie und Stadt Salzburg gab es auf politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher Ebene?

-      Hatte die Gründung des Salzburger Gestaltungsbeirats 1983 Auswirkungen auf die Klassen der Sommerakademie?

-      Inwieweit lassen sich diverse Anschauungen unter einer (inter-)nationalen Baugesinnung vereinen? Wie verhält es sich dahingehend mit der Postmoderne in Theorie und Praxis in Österreich?

-      Wie wird Architektur an der Sommerakademie definiert? Welche Nähe bzw. Abgrenzung herrscht zu Design und Kunst im öffentlichen Raum?

 

Die Fragen werden innerhalb einzelner Kapiteln bearbeitet, greifen aber oftmals über diese strukturelle Zuordnung hinaus. Methodisch ist einerseits die chronologische Kontextualisierung des Vorhabens als lineare Grundstruktur verbindlich, andererseits muss diese im Sinne einer Vertiefung um einzelne Protagonisten bzw. Themen aufgebrochen werden. Als Grundlage der wissenschaftlichen Auseinandersetzung dienen Eigenpublikationen der Sommerakademie, deren Archivbestände, Veröffentlichungen zu sowie Dokumente, Entwürfe und ausgeführte Bauten von den beteiligten Architekten und im weiteren Verlauf mögliche Zeitzeugenberichte.

 

2.        Die Sommerakademie Salzburg unter Wieland Schmied

2.1.     Kurze Geschichte der ISBK

Die Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg (kurz ISBK) wurde 1953 vom österreichischen Künstler Oskar Kokoschka und dem Salzburger Galeristen Friedrich Welz als „Schule des Sehens“ gegründet. Der Begriff impliziert die Absicht, mit den Gewohnheiten einer etablierten Einrichtung für bildende Kunst, wie z.B. einer Kunsthochschule, zu brechen und somit nicht die handwerklichen Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen. Die Sommerakademie sollte eine Schule für Jedermann sein, seine Wahrnehmung und visuelles Gedächtnis zu schulen und an einer Sensibilität zu arbeiten, welche sowohl Amateur als auch professionellen Kunstschaffenden eine Vertiefung in die eigene Arbeit ermöglicht. Die Arbeitsatmosphäre auf der Festung Hohensalzburg war entsprechend angenehm, frei von Konkurrenz und offen für Dialoge, Auseinandersetzungen, Selbstreflexionen, Kritiken und Austausch aller Art. Im Gründungsjahr wurden die drei Schwerpunkte auf je eine Klasse für Malerei, geleitet von Kokoschka selbst, Bildhauerei (Uli Nimptsch) und Architektur (Hans Hofmann) gesetzt. Da die Klassen zu Beginn zeitgleich und im selben Raum über 5 Wochen stattfanden, war ein transdisziplinäres Arbeiten notwendig und fruchtbar.

Die Sommerakademie entwickelte sich kontinuierlich zu einer immer größeren Institution, mit einem immer heterogeneren und größeren Programm. Nach zehnjähriger Amtszeit Kokoschkas löste ihn 1964 Hermann Stuppäck ab. Dessen Programmatik knüpfte an eine didaktische Schulbildung über mehrere Sommer an, die Kokoschka bereits mit der Berufung Konrad Wachsmanns von 1956 bis 1960 etabliert hatte: Stuppäck holte sich von 1965 bis 1969 sowie von 1973 bis 1975 Jacob Berend Bakema als Leiter der Architekturklassen. Wachsmann und Bakema waren prägend im Bereich der Vermittlung von Methoden und Lehrkonzepten und hatten Jahre, sich mit je einer Generation an Schülern etwas zu erarbeiten. Bereits unter Kokoschka waren Clemens Holzmeister (1954) und Roland Rainer (1962 und 1963), unter Stuppäck Hans Hollein (1979) eingeladen, Klassen zu halten. Die große Welle an Österreichern brachte aber erst ein neuer Direktor, der dritte und bislang letzte Mann in der Riege der Leiter der Sommerakademie: Wieland Schmied.

 

2.2.     Wieland Schmied – Kunsthistoriker, Literat, Persönlichkeit

Wieland Schmied, seines Zeichens Experte im Feld der abstrakten Malerei, wurde 1981 mit dem Amt des Präsidenten[1] der ISBK betraut. Schmied (1929-2014) war ein in Wien geborener und dort Großteils aufgewachsener Kunsthistoriker sowie promovierter Rechtswissenschafter. Nach beruflichen Anfängen als Kunstkritiker und Lektor bei der Furche, dem Insel Verlag und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war er zwischen 1963 und 1975 Direktor der Kestner-Gesellschaft in Hannover, im Anschluss bis 1975 Hauptkustos der Nationalgalerie Berlin und von 1978 bis 1986 Direktor des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) in Berlin, bis er 1981 zusätzlich Leiter der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg wurde. Er hatte dieses Amt bis 1999 inne und war zeitgleich zwischen 1986 und 1994 Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste München sowie von 1988 bis 1993 deren Rektor.

 

2.3.     Das Direktorium Schmied – Geschichte der ISBK in den 1980er und 1990er Jahren

1980 war ein Schicksals- und Wendejahr: Am 5. Februar starb Friedrich Welz, am 22. Februar Oskar Kokoschka, der bereits 77-jährige Hermann Stuppäck wurde mit Ende des Sommers pensioniert. Der geeignete Nachfolger hatte erstmal mit diesen Abschlüssen umzugehen und musste das Vakuum entsprechend füllen – sich auf die hart erkämpfte Basis berufen aber gleichzeitig neue Impulse setzen. Wieland Schmied stellte sich dieser Herausforderung und forderte lediglich, seine leitende Funktion beim DAAD zeitgleich ausüben zu dürfen. Ihm zur Seite gestellt wurde Barbara Wally als Geschäftsführerin. Neben Revisionen in vielen Bereichen des allgemeinen und technischen Akademiebetriebes, war es Schmied und Wally von Anfang an wichtig, den theoretischen Anspruch qualitativ zu erhöhen: ein Vortragssaal wurde umfassend ausgestattet, sowie die bis heute gerne genutzte Fachbibliothek auf der Festung eingerichtet.[2]

 

3.        Entwicklungen, Tendenzen, Netzwerke

3.1.     Protagonisten österreichischer Architektur an der ISBK – Klassen und Themen

Neben seinen persönlichen Stärken und Schwächen zeichnet sich Wieland Schmied durch eine besondere Handschrift in seinem Amt aus: in 18 Sommern hielten 23 verschiedene Lehrende, teilweise zusammen, teilweise solo, 23 Klassen zu architektonischen Themen ab. 12 davon waren Österreicher, 9 nicht-Österreicher, wobei 6 aus Europa kamen, 2 aus den USA und einer aus Japan. Unter den Österreichern waren durchwegs etablierte Professoren österreichischer Hochschulen oder durch Bauten im In- und Ausland berühmt gewordene Herren, namentlich: Raimund Johann Abraham, Friedrich Achleitner, Coop Himmelb(l)au (Wolf D. Prix und damals noch Helmut Swiczinsky), Günther Domenig, Johann Georg Gsteu, Hans Hollein, Wilhelm Holzbauer, Friedrich Kurrent, Laurids Ortner, Gustav Peichl und Heinz Tesar. Frauen als Lehrende der Architekturklassen kamen erst unter der Direktion Barbara Wally (1999-2008) auf, die bereits seit 1981 Wieland Schmieds Geschäftsführerin war.

Schmied kannte viele „seiner“ Architekten persönlich. Man könnte meinen, dass durch die gemeinsame Basis auch die Lehrinhalte ähnlich wären. Tatsächlich ergaben sich jedoch vielfältige Diskurse und Schwerpunkte in der Setzung der Klassenthemen. Holzbauer und Peichl leiteten 1981 Schmieds Amtszeit ein und führten ihre Klassen, wie auch schon an der Akademie in Wien, jeweils nach dem Meisterschulprinzip. Thematisch konzentrierten sich die Lehrenden der 1980er und 1990er Jahre auf architektonische Einzelbauten, vermehrt im Kunst- und Kulturbereich. Gerade die Museumsarchitektur war auf dem Höhepunkt ihres Hypes, wie die Klassenthemen von Raimund Abraham 1983, Gustav Peichl 1987 und Hans Hollein und Arata Isozaki 1991 belegen.[3] Auch Bauen innerhalb der Stadt Salzburg war ein attraktives Entwurfsfeld und neben dem Bekanntheitsgrad der eingeladenen Lehrenden empfand Wieland Schmied dies als einen von beiden entscheidenden Faktoren des „besondere[n] Stellenwert[s] der Architektur im Rahmen der Akademieprogramme“.[4]

Die starken städtebaulichen Leitlinien der vergangenen Jahrzehnte waren soweit gefestigt und wurden nicht mehr zu städtischen Bürgerinitiativen weiterentwickelt. Dennoch blieb das Thema in den 1980er Jahren – in abstrahierter Form und mit Fokus auf Erhaltung des Erkämpften – aktuell: 1983 bei Vittorio Magnago Lampugnani mit Die Idealstadt, 1984 bei Friedrich Achleitner und Friedrich Kurrent mit drei Themen innerhalb der Salzburger Altstadt (Neubau Museum Carolino Augusteum, Franz-Rehrl-Platz und Salzachufergestaltung) oder 1986 bei Otto Steidle zu Anstatt – Stadt – Vorstadt. Erhaltung war insofern auch ein wichtiges Thema innerhalb der Klassen, unabhängig von der konkreten Aufgabenstellung, da 1967 das Altstadterhaltungsgesetz veranlasst, 1980 die Sachverständigenkommission für die Altstadterhaltung gegründet und die Salzburger Altstadt 1997 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

 

3.2.     Wirtschaftspolitische Systeme – Architektur und Stadt

Ebenfalls in den 1980er Jahren wurde ein bedeutendes Organ gegründet: der Salzburger Gestaltungsbeirat. Dietmar Steiner nennt dieses Gremium in seiner für diesen Abschnitt wichtigen Publikation „Das Salzburg-Projekt. Entwurf einer europäischen Stadt“ von 1986 als einen Meilenstein in der Entwicklung der Salzburger Architekturreform.[5] Diese beginnt laut Steiner in einer Vorgeschichte bei Hans Sedlmayr und seinem Mahnen in den 1960er Jahren zur Erhaltung der Salzburger Altstadt. Sedlmayr, bis heute prägend innerhalb der Kunstgeschichte und seines Zeichens erster Ordinarius des Instituts für Kunstgeschichte an der 1962 neu gegründeten Universität Salzburg, forderte v.a. in seinen beiden Schriften „Die demolierte Schönheit – ein Aufruf zur Rettung der Salzburger Altstadt“ von 1965 und „Stadt ohne Landschaft – Salzburgs Schicksal morgen“ von 1970 die Bürger der Stadt aktiv auf, gegen den „teuflischen Plan“ der Zerstörung des Naturraumes und der historischen Altstadt durch unnötige Neubauten vorzugehen. Diese Bürgerbewegung verhalf nicht nur der Stadt Salzburg zur Bewahrung des nach wie vor geschützten und schützenswerten Grünraumes (Deklaration geschütztes Grünland, 1977), sondern förderte darüber hinaus die Wahl von Johannes Voggenhuber zum Stadtrat für Stadtplanung, Baubehörde und Umwelt. 1982 markiert somit eine Neuorientierung der gesamten Stadtpolitik, und der davon abhängigen Bauplanung. Wie aus den Sanierungsbilanzen zur Regeneration der Altstadt, auch genannt Salzburger Altstadtinitiative, zwischen 1983 bis 1985 hervorgeht, konnten große Verbesserungen der Lebensqualität durch zahlreiche Maßnahmen erzielt werden, wie der Erhebung von Bauzustand und Struktur zur mittelfristigen Planung von Sanierung und Instandhaltung, den Demolierungsstopp für Altstadthäuser, den Umwidmungsstopp von Wohnungen, die Förderung für Beseitigung von „alten Beeinträchtigungen“ (der letzten 30 Jahre) des Altstadtbildes, die Einführung der Fußgängerzone, die Mönchsberggarage, die Schaffung eines Grünmarktes, Kunstmarktes und von Schanigärten sowie durch den Ausbau des Radwegnetzes und die Schaffung von Radständern in der Fußgängerzone. Zusätzlich wurden ein verkehrspolitisches Ziel- und Maßnahmenkonzept sowie städtebauliche Leitbilder erarbeitet. Letztere entstanden aus dem Wunsch heraus, die Utopien der 1960er Jahre endgültig abzustreifen und in den 1980er Jahren eine Art „neue Gründerzeit“ einzuleiten.

Aus genannten Vorarbeiten, der Wiederbelebung und Rettung der Altstadt, der Grünlanddeklaration und den verkehrspolitischen Maßnahmen, hin zu einem Entwurf für eine „europäische Stadt“ entstanden erste Tendenzen hin zu einem Gestaltungsbeirat. Voggenhuber stellte dabei bei seinem Amtsantritt 1982 konkret die bisherige Begutachtung von Projekten in Frage. Da diese von zwei beamteten Architekten durchgeführt wurden, witterte Voggenhuber einen Hang zum „Angepaßten, Mittelmäßigen und eine Behinderung von Neuem und Anspruchsvollem.“[6] Die Alternative war schnell gefunden: 1983 wurde der erste Salzburger Gestaltungsbeirat – der erste seiner Art in Europa – gegründet. Auf 2 Jahre beschränkt um die Vielfalt neuer Ansätze stets zu fördern, wurden Wilhelm Holzbauer zum Vorsitzenden sowie Gino Valle, Friedrich Achleitner, Otto Breicha und Gerhard Garstenauer zu Mitgliedern bestellt. Trotz anfänglich starkem Widerstand gegen eine solche „Geschmacksdiktatur“, wie es von Seiten der Bauträger und Architektenschaft hieß, konnte der Gestaltungsbeirat in den ersten beiden Jahren die Begutachtung von fast 60 Projekten vornehmen – eine erstaunliche Leistung für eine ehrenamtliche Tätigkeit.

Welche Rolle spielt nun die Sommerakademie bei diesem politischen Diskurs? Nicht nur waren die aufgebrachten Bürger der 1970er Jahre zum Teil anführt von Architekten wie Pierre Vago, der über Jahre (1972, 1976-1978, 1980) Lehrender an der Sommerakademie war. Vor allem ist die Verflechtung des Gestaltungsbeirats mit den Protagonisten der größtenteils österreichischen Architektenschaft an der Sommerakademie spannend. 1983 war wie erwähnt Wilhelm Holzbauer Vorsitzender des Gestaltungsbeirates. Ihm folgten 1986 bis 1988 Friedrich Achleitner, von 1988 bis 1991 Gustav Peichl und von 1991 bis 1994 Otto Steidle nach, allesamt Lehrende in diesem Zeitraum der Ära Wieland Schmied (1981-1999).[7]

 

3.3.     (Inter-)Nationale Diskurse – Theorien und Bauten der Postmoderne in Österreich

Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass der theoretische Diskurs in der österreichischen Architektur ab den 1980er Jahren – auch aus Gründen der historischen Objektivierung – bisher noch nicht umfassend aufgearbeitet wurde. Fragen nach der Beziehung zur Postmoderne und anderen nationalen wie internationalen Bezugssystemen werden hier laut und sollen in der angedachten Dissertation über eine Zusammenfassung der Theorien der Postmoderne (gerade in Nordamerika und Deutschland) hin zu einem Sammeln und Analysieren von zeitgleichen Schriften und Theorien der Protagonisten der Sommerakademie und deren Umkreises erörtert werden.

An der Sommerakademie versuchte Wieland Schmied den hausinternen Diskus raus in die Stadt zu tragen und vice versa. Ein Beispiel dafür liefert der deutsche Kunsthistoriker und Architekturtheoretiker Heinrich Klotz, der 1986 ein Architektursymposion zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ unter Mitwirkung von Peter M. Bode, Peter Iden, Dietmar Steiner und Martin Warnke leitete. Das zweitägige Programm (5. und 6. August) sah eine Begrüßung durch Wieland Schmied und den Landeshauptmannstellvertreter Wolfgang Radlegger vor sowie Vorträge zu folgenden Themen: Zur Einleitung in die Thematik: Die Nike von Lienz in Frankfurt/Main (Heinrich Klotz), Kunst im öffentlichen Raum am Beispiel Salzburg (Dietmar Steiner), Kunst im öffentlichen Raum am Beispiel München (Peter M. Bode), Das Engagement der Künstler (Diskussionsbeiträge von Georg Meistermann, Oswald Oberhuber, Josef Pillhofer, Karl Prantl und Hannsjörg Voth), Nein, sie ist nicht für alle da! Mißverständnisse öffentlicher Kulturpolitik, dargestellt an zwei gegenläufigen Beispielen aus Frankfurt und Basel (Peter Iden), Private und öffentliche Kunst (Martin Warnke). Am Nachmittag des zweiten Tages wurde zudem eine Exkursion zum Kiefersteinbruch Fürstenbrunn unternommen, wo zeitgleich das Steinbildhauer-Symposion stattfand. [8] Klotz lag seit den Vorbereitungen 1985 daran, die Veranstaltung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie entsprechen unter bekannten Künstlern und Architekten sowie in der überregionalen deutschsprachigen Presse zu bewerben.[9] Welche Resonanz das Symposion in der Presse und bei den Teilnehmenden erzeugte bedarf weiter Recherche.

Die Liste kann entsprechend erweitert werden: bereits 1982 fand ein Symposion statt, welches die Klassen von Holzbauer und Peichl in Kooperation mit dem ORF begleitete. Es hatte zum Thema „Zeitgenössische Architektur – Wege oder Irrwege?“. Dazu erschien eine gleichnamige Publikation.[10] Auch das interdisziplinäre Seminar „Für Natur- und Menschengerechtes Bauen“ von Friedensreich Hundertwasser, dem Architekten Efthymios Warlamis und dem Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibsfeldt 1988 fällt in genannte theoretisierende Ausrichtung.[11] Der bereits hier augenscheinliche Aspekt der Auflösung starrer Definitionen der Architektur und das Austauschen von Termini soll im folgenden Kapitel detaillierter besprochen werden.

 

4.        Neupositionierung, Terminologie, Umbruch

4.1.     Die 1980er Jahre als Zeit der architektonischen Neupositionierung?

So sehr der Versuch Wieland Schmieds, die Salzburger Sommerakademie umfassend Instand zu setzen und mit neuen Impulsen auszustatten anerkannt werden muss, so sollte doch hinterfragt werden, welche Brüche daraus resultierten und wo er scheiterte. Das Anlasten einer Krise wäre dabei vereinfacht – dennoch muss die Periode der 1980er Jahre vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Hintergründe in Salzburg und darüber hinaus betrachtet werden, um eine Sensibilität für den oft zitierten „Konservatismus“ dieser Zeit zu schaffen. Waren die 1980er Jahre eine Zeit der Neupositionierung für die Architektur in Österreich, für die Architekturklassen der Sommerakademie? In welche Richtung fand eine Entwicklung statt?

Noch 1985 lobt Wieland Schmied die hohe Qualität der Architekturklassen, die damit

wesentlich zum Bild der Sommerakademie betragen, gegenüber John Hejduk.[12] Diese Qualität, die in den 1980er Jahren vielleicht durchaus noch bestand, nimmt dann in den 1990ern zunehmend ab. 1992, 1993 sowie 1997 wird anstelle einer Architekturklasse eine Designklasse unter der Leitung von Paolo Piva angeboten, 1994 der eingeladene Daniel Liebeskind nach einem einzigen Aufenthaltstag kurzfristig durch Kent Martinussen ersetzt und 1996 findet keine Klasse statt. Mit dem Beginn des Direktoriums von Barbara Wally (1999-2008) kommen fast ausschließlich japanische ArchitektInnen (zum ersten Mal auch Frauen) mit immer abstrakter werdenden Themen zum Zug und mit dem Direktorium Hildegund Amanshausers (seit 2009) findet die seit 1953 bestehende Tradition der Architekturklassen einen vollständigen Abbruch. Die 2015 und 2016 eingeladenen Architekten von feld72 leiten bezeichnender Weise eine Klasse für Kunst im öffentlichen Raum.

In wie weit wurde das Potential der Lehrmethoden mit dem Ende des offensichtlich positiven gesellschaftlichen Einflusses der 1960er und 1970er Jahre in der Folgezeit ausgeschöpft bzw. ging es gänzlich verloren? Was bedeutet es für eine Institution wie die Sommerakademie bzw. auch für Bildungseinrichtungen mit vergleichbarem Niveau einen von drei Gründungsschwerpunkte zu verlieren? Ist die Interdisziplinarität bzw. das Lehren von Architektur über die Umwege anderer Disziplinen ein Verlust des Wesens der Architektur(lehre) oder kann es als neuer Beginn gewertet werden?

 

4.2.     Architektur = Design = Urbanismus?

Ist Architektur nun – laut Paolo Pivas Klassentitel – Design? Lässt sie sich mit den Methoden eines Symposions zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ erschließen? Was für eine Art von Urbanismus ist in diesem Kontext gemeint? Eine Exkursion über die Grenzen und Möglichkeiten von Terminologie und ihren Auswirkungen an der Sommerakademie als Paradigma für eine übergeordnete Diskussion soll hier, als Ausblick der ganzen Untersuchung, geführt werden.

 

5. Literatur (Auswahl)

Quellen

 

Archiv ISBK.

Archiv der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg.

 

ISBK (Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg, Eigenpublikationen)

 

ISBK 2013.

Das schönste Atelier der Welt/The World’s Finest Studio. 60 Jahre ISBK/60 years of ISBK, hrsg. v. Hildegund Amanshauser, Salzburg-Wien 2013.

 

ISBK 2004.

Band IV: Die 5. Dekade. ISBK 1993-2003, hrsg. v. Barbara Wally, Salzburg 2004.

 

ISBK 1993.

ISBK. Zwischenbilanz 1981-1993, hrsg. v. Wieland Schmied, Salzburg 1993.

 

ISBK 2004.

Band IV: Die 5. Dekade. ISBK 1993-2003, hrsg. v. Barbara Wally, Salzburg 2004.

 

A-ISBK (Architekturklassen, Eigenpublikationen)

 

A-ISBK 2001.

After Shopping. Situation Salzburg – Strategien für den Speckgürtel, Meisterklasse für Architektur und Stadtplanung an der ISBK 2001, hrsg. v. d. ISBK u. d. Initiative Architektur Salzburg, Salzburg 2003.

 

A-ISBK 1991.

Orte der Kunst/A Place for Art. Klasse für Architektur 1991 Hans Hollein & Arata Isozaki, hrsg. v. d. ISBK, Wien-Tokio-Salzburg 1993.

 

A-ISBK 1985.

Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg 1984. Architekturklasse Friedrich Achleitner Friedrich Kurrent, Salzburg-Wien 1985.

 

A-ISBK 1982.

Wege oder Irrwege der Architektur. Internationale Sommerakademie 1982, Architektur, Symposion: Wilhelm Holzbauer, Josef Paul Kleinhues, Leon Krier, Gustav Peichl, Bruno Reichlin, Gino Valle, hrsg. v. d. ISBK, Wien 1983.

 

Sekundärliteratur

 

Achleitner 1980.

Achleitner, Friedrich: Österreichische Architektur im 20 Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden, Bd. 1: Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Salzburg-Wien 1980.

 

Achleitner 1990.

Achleitner, Friedrich: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden, Bd. 3/1: Wien, 1.-12. Bezirk, Salzburg-Wien 1990.

 

Bode/Peichl 1960.

Bode, Peter M., Peichl, Gustav: Architektur aus Österreich seit 1960, Salzburg-Wien 1960.

 

Fritz 2013.

Fritz, Martin: Humanismus, Pluralismus, Globalisierung. Sechs Jahrzehnte Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg, in: ISBK 2013, S. 16-49.

 

Hölz 2015.

Hölz, Christoph (Hg.): Gibt es eine Holzmeister-Schule? Clemens Holzmeister (1886-1983) und seine Schüler (Publikation zur zweiten internationalen Holzmeister Fachtagung „Gibt es eine Holzmeister-Schule? Clemens Holmeister (1886-1983) und seine Schüler“ vom 16. Bis 18. Oktober 2014 im Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck), Innsbruck 2015 (Schriftenreihe des Archivs für Baukunst im Adambräu 8).

 

Jencks 1988.

Jencks, Charles: Die Sprache der postmodernen Architektur. Entstehung und Entwicklung einer alternativen Tradition (The Language of Post-modern Architecture, dt.), aus d. Engl. übertr. v. Nora v. Mühlendahl-Krehl, 3. erw. Aufl., Stuttgart 1988.

 

Klotz 1984.

Klotz, Heinrich (Hg.): Revision der Moderne. Postmoderne Architektur 1960-1980 (Kat. Ausst., Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt a. M. 1984), München 1984.

 

Raspotnig 2007.

Raspotnig, Paul: Planungsbegutachtung durch Gestaltungsbeiräte. Das Salzburger Modell und seine Nachfolger in Österreich (Diss., Technische Universität Wien), Wien 2007.

 

Schmied 2008.

Schmied, Wieland: Lust am Widerspruch. Biographisches, Stuttgart 2008.

 

Sedlmayer 1970.

Sedlmayer, Hans: Stadt ohne Landschaft – Salzburgs Schicksal morgen, Salzburg 1970.

 

Sedlmayer 1965.

Sedlmayer, Hans: Die demolierte Schönheit. Ein Aufruf zur Rettung der Altstadt Salzburg, Salzburg 1965.

 

Steiner 1986.

Steiner, Dietmar (Hg.): Das Salzburg-Projekt. Entwurf einer europäischen Stadt, Architektur-Politik-Öffentlichkeit, Wien 1986.

 

[1]   Den Posten des Direktors – eine Verbindung des Präsidiums und der Geschäftsführung in eine Person – gab es erst mit Barbara Wally ab 1999.

[2]   Fritz 2013, S. 31.

[3]   Als Laurids Ortner, der zu dieser Zeit gerade an der Ausführung des Museumsquartiers Wien arbeitete, 1993 vorschlug ebenfalls den Museumsbau als Schwerpunkt seiner Klasse zu wählen, erwiderte Wieland Schmied höflich: „Was das Thema Ihrer Klasse betrifft, so möchte ich Ihnen freie Hand lassen und bin für Ihre Vorschläge offen. Allerdings hat sich das Museumsthema nach verschiedenen Ansätzen in den letzten Jahren (Peichl, Abraham, Hollein) etwas erschöpft.“ (Wieland Schmied: Brief an Laurids Ortner, 30. Oktober 1991, S. 1-2, Archiv ISBK.) Ortner wählte daraufhin unter dem Titel „Netz Europa“ „Große Gebäude“ an Verkehrsknotenpunkten der Peripherie zum Thema.

[4]   „Zum anderen bot und bietet die Stadt Salzburg mit ihrem einzigartigen Stadtbild in all diesen Jahren vielfältige und reizvolle Anregungen für die Architekturstudenten aus aller Welt, sich mit den Problemen heutigen Planens und Bauens im Rahmen eines historisch gewachsenen städtebaulichen Ensembles auseinanderzusetzen.“ Wieland Schmied: Vorwort für Architekturbroschüre, o.J. [1982], Archiv ISBK.

[5]   Steiner, Dietmar (Hg.): Das Salzburg-Projekt. Entwurf einer europäischen Stadt, Architektur-Politik-Öffentlichkeit, Wien 1986.

[6]   Steiner 1986, S. 90.

[7]   Gestaltungsbeirat. Frühere Beiratsmitglieder im Überblick (21.9.2015), URL: https://www.stadt-salzburg.at/internet/wirtschaft_umwelt/stadtplanung/gestaltungsbeirat/fruehere_beiratsmitglieder_im_ueberblick_393744.htm (Zugriff am 18.10.2016).

[8]   Archiv ISBK, Architektur 1986. Dietmar Steiner wurde im Programm zeitlich vorgerückt, an die Stelle von Friedrich Achleitner, der aus noch ungeklärten Gründen nicht kommen konnte.

[9]   Heinrich Klotz: Brief an Barbara Wally, 27. September 1985, Archiv ISBK.

[10] Wege oder Irrwege der Architektur. Internationale Sommerakademie 1982, Architektur, Symposion: Wilhelm Holzbauer, Josef Paul Kleinhues, Leon Krier, Gustav Peichl, Bruno Reichlin, Gino Valle, hrsg. v. d. ISBK, Wien 1983.

[11]         ISBK. Zwischenbilanz 1981-1993, hrsg. v. Wieland Schmied, Salzburg 1993, S. 86f.

[12] Wieland Schmied: Brief an John Hejduk, 23. September 1985, Archiv ISBK.

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ABSTRACT

Architekturklassen der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg unter Wieland Schmied (Arbeitstitel)

 

1.        EINLEITUNG

Die angedachte Dissertation zum Thema „Architektur in Österreich der 1980er und 1990er Jahre – Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg unter Wieland Schmied“ (Arbeitstitel) wird in drei aufeinander aufbauenden Teilen erarbeitet. Zuerst erfolgt eine einleitende Basis mit der Geschichte der Institution der Sommerakademie bis 1980 und erweitert um Fragen zur Person sowie zum Direktor Wieland Schmied (1929-2014, 1981-1998). Der zweite Abschnitt geht davon aus, um sich in unterschiedlichen Feldern zu öffnen. Die Protagonisten der österreichischen Architektur mit ihren Klassen und darin erarbeiteten Themen behandeln noch eine interne Agenda. Mit der Betrachtung wirtschaftspolitischer Systeme wir die Beziehung von Stadt und Institution untersucht werden. Den weitesten Ausblick gibt die Frage nach dem nationalen und internationalen Diskursen, in denen die Architekturklassen sich womöglich bewegt haben – als ein zentraler Begriff wird dabei die Postmoderne dienen. Drittens ist die strategische Positionierung der Klasse in den 1980er Jahren an sich zu reflektieren, welche Schwierigkeiten, Chancen, Entwicklungsmöglichkeiten und Umbrüche sich daraus für die Institution, die Architektur der Stadt, den übergeordneten theoretischen Diskurs ergeben (haben).

 

1.1.     FRAGESTELLUNG UND METHODE

Folgender Fragenkatalog dient zum Beginn der Untersuchung einer unverbindlich systematischen Erschließung unterschiedlichster Themenfelder, bevor daraus eine Hypothese entwickelt werden kann:

 

-      Welche Strategien verfolgte Wieland Schmied zur Weiterentwicklung von Oskar Kokoschkas Gründungsgedanken einer „Schule des Sehens“?

-      Entsteht, folgend auf die Ära Stuppäck, ein Bruch oder setzt sich eine Entwicklung unter anderen Vorzeichen fort?

-      War es nach der langfristigen Prägung durch Konrad Wachsmann (1956-1960) und Jacob Berend Bakema (1965-1969 und 1973-1975) Zeit für einen thematischen und didaktischen Wandel innerhalb der Architekturklassen?

-      Bevorzugte Schmied die Gruppe um Wilhelm Holzbauer, Gustav Peichl, Friedrich Achleitner und Friedrich Kurrent aus persönlichen Gründen oder hielt er deren Berufung für einen wertvollen Beitrag zum zeitgenössischen Diskurs?

-      Welcher Nationalität, oder viel wichtiger noch welcher Mentalität, gehörten die Architekten unter Schmied an, die kamen um – erstmals und bis heute einzigartig – neben der Praxis auch Architekturtheorie zu lehren?

-      Brachten die Lehrenden (erfolgreiche) Beispiele aus der eigenen Praxis mit in die Klassen? Brachten Sie den Schülern Themen und Theorien näher, die ihren eigenen Tendenzen auch zumal widersprachen? Was waren die Themen?

-      Welche Interaktionen zwischen Sommerakademie und Stadt Salzburg gab es auf politischer, gesellschaftlicher, wirtschaftlicher Ebene?

-      Hatte die Gründung des Salzburger Gestaltungsbeirats 1983 Auswirkungen auf die Klassen der Sommerakademie?

-      Inwieweit lassen sich diverse Anschauungen unter einer (inter-)nationalen Baugesinnung vereinen? Wie verhält es sich dahingehend mit der Postmoderne in Theorie und Praxis in Österreich?

-      Wie wird Architektur an der Sommerakademie definiert? Welche Nähe bzw. Abgrenzung herrscht zu Design und Kunst im öffentlichen Raum?

 

Die Fragen werden innerhalb einzelner Kapiteln bearbeitet, greifen aber oftmals über diese strukturelle Zuordnung hinaus. Methodisch ist einerseits die chronologische Kontextualisierung des Vorhabens als lineare Grundstruktur verbindlich, andererseits muss diese im Sinne einer Vertiefung um einzelne Protagonisten bzw. Themen aufgebrochen werden. Als Grundlage der wissenschaftlichen Auseinandersetzung dienen Eigenpublikationen der Sommerakademie, deren Archivbestände, Veröffentlichungen zu sowie Dokumente, Entwürfe und ausgeführte Bauten von den beteiligten Architekten und im weiteren Verlauf mögliche Zeitzeugenberichte.

 

2.        DIE SOMMERAKADEMIE SALZBURG UNTER WIELAND SCHMIED

2.1.     KURZE GESCHICHTE DER ISBK

Die Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg (kurz ISBK) wurde 1953 vom österreichischen Künstler Oskar Kokoschka und dem Salzburger Galeristen Friedrich Welz als „Schule des Sehens“ gegründet. Der Begriff impliziert die Absicht, mit den Gewohnheiten einer etablierten Einrichtung für bildende Kunst, wie z.B. einer Kunsthochschule, zu brechen und somit nicht die handwerklichen Fähigkeiten in den Vordergrund zu stellen. Die Sommerakademie sollte eine Schule für Jedermann sein, seine Wahrnehmung und visuelles Gedächtnis zu schulen und an einer Sensibilität zu arbeiten, welche sowohl Amateur als auch professionellen Kunstschaffenden eine Vertiefung in die eigene Arbeit ermöglicht. Die Arbeitsatmosphäre auf der Festung Hohensalzburg war entsprechend angenehm, frei von Konkurrenz und offen für Dialoge, Auseinandersetzungen, Selbstreflexionen, Kritiken und Austausch aller Art. Im Gründungsjahr wurden die drei Schwerpunkte auf je eine Klasse für Malerei, geleitet von Kokoschka selbst, Bildhauerei (Uli Nimptsch) und Architektur (Hans Hofmann) gesetzt. Da die Klassen zu Beginn zeitgleich und im selben Raum über 5 Wochen stattfanden, war ein transdisziplinäres Arbeiten notwendig und fruchtbar.

Die Sommerakademie entwickelte sich kontinuierlich zu einer immer größeren Institution, mit einem immer heterogeneren und größeren Programm. Nach zehnjähriger Amtszeit Kokoschkas löste ihn 1964 Hermann Stuppäck ab. Dessen Programmatik knüpfte an eine didaktische Schulbildung über mehrere Sommer an, die Kokoschka bereits mit der Berufung Konrad Wachsmanns von 1956 bis 1960 etabliert hatte: Stuppäck holte sich von 1965 bis 1969 sowie von 1973 bis 1975 Jacob Berend Bakema als Leiter der Architekturklassen. Wachsmann und Bakema waren prägend im Bereich der Vermittlung von Methoden und Lehrkonzepten und hatten Jahre, sich mit je einer Generation an Schülern etwas zu erarbeiten. Bereits unter Kokoschka waren Clemens Holzmeister (1954) und Roland Rainer (1962 und 1963), unter Stuppäck Hans Hollein (1979) eingeladen, Klassen zu halten. Die große Welle an Österreichern brachte aber erst ein neuer Direktor, der dritte und bislang letzte Mann in der Riege der Leiter der Sommerakademie: Wieland Schmied.

 

2.2.     WIELAND SCHMIED – KUNSTHISTORIKER, LITERAT, PERSÖNLICHKEIT

Wieland Schmied, seines Zeichens Experte im Feld der abstrakten Malerei, wurde 1981 mit dem Amt des Präsidenten[1] der ISBK betraut. Schmied (1929-2014) war ein in Wien geborener und dort Großteils aufgewachsener Kunsthistoriker sowie promovierter Rechtswissenschafter. Nach beruflichen Anfängen als Kunstkritiker und Lektor bei der Furche, dem Insel Verlag und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war er zwischen 1963 und 1975 Direktor der Kestner-Gesellschaft in Hannover, im Anschluss bis 1975 Hauptkustos der Nationalgalerie Berlin und von 1978 bis 1986 Direktor des DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) in Berlin, bis er 1981 zusätzlich Leiter der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst in Salzburg wurde. Er hatte dieses Amt bis 1999 inne und war zeitgleich zwischen 1986 und 1994 Professor für Kunstgeschichte an der Akademie der Bildenden Künste München sowie von 1988 bis 1993 deren Rektor.

 

2.3.     DAS DIREKTORIUM SCHMIED – GESCHICHTE DER ISBK IN DEN 1980ER UND 1990ER JAHREN

1980 war ein Schicksals- und Wendejahr: Am 5. Februar starb Friedrich Welz, am 22. Februar Oskar Kokoschka, der bereits 77-jährige Hermann Stuppäck wurde mit Ende des Sommers pensioniert. Der geeignete Nachfolger hatte erstmal mit diesen Abschlüssen umzugehen und musste das Vakuum entsprechend füllen – sich auf die hart erkämpfte Basis berufen aber gleichzeitig neue Impulse setzen. Wieland Schmied stellte sich dieser Herausforderung und forderte lediglich, seine leitende Funktion beim DAAD zeitgleich ausüben zu dürfen. Ihm zur Seite gestellt wurde Barbara Wally als Geschäftsführerin. Neben Revisionen in vielen Bereichen des allgemeinen und technischen Akademiebetriebes, war es Schmied und Wally von Anfang an wichtig, den theoretischen Anspruch qualitativ zu erhöhen: ein Vortragssaal wurde umfassend ausgestattet, sowie die bis heute gerne genutzte Fachbibliothek auf der Festung eingerichtet.[2]

 

3.        ENTWICKLUNGEN, TENDENZEN, NETZWERKE

3.1.     PROTAGONISTEN ÖSTERREICHISCHER ARCHITEKTUR AN DER ISBK – KLASSEN UND THEMEN

Neben seinen persönlichen Stärken und Schwächen zeichnet sich Wieland Schmied durch eine besondere Handschrift in seinem Amt aus: in 18 Sommern hielten 23 verschiedene Lehrende, teilweise zusammen, teilweise solo, 23 Klassen zu architektonischen Themen ab. 12 davon waren Österreicher, 9 nicht-Österreicher, wobei 6 aus Europa kamen, 2 aus den USA und einer aus Japan. Unter den Österreichern waren durchwegs etablierte Professoren österreichischer Hochschulen oder durch Bauten im In- und Ausland berühmt gewordene Herren, namentlich: Raimund Johann Abraham, Friedrich Achleitner, Coop Himmelb(l)au (Wolf D. Prix und damals noch Helmut Swiczinsky), Günther Domenig, Johann Georg Gsteu, Hans Hollein, Wilhelm Holzbauer, Friedrich Kurrent, Laurids Ortner, Gustav Peichl und Heinz Tesar. Frauen als Lehrende der Architekturklassen kamen erst unter der Direktion Barbara Wally (1999-2008) auf, die bereits seit 1981 Wieland Schmieds Geschäftsführerin war.

Schmied kannte viele „seiner“ Architekten persönlich. Man könnte meinen, dass durch die gemeinsame Basis auch die Lehrinhalte ähnlich wären. Tatsächlich ergaben sich jedoch vielfältige Diskurse und Schwerpunkte in der Setzung der Klassenthemen. Holzbauer und Peichl leiteten 1981 Schmieds Amtszeit ein und führten ihre Klassen, wie auch schon an der Akademie in Wien, jeweils nach dem Meisterschulprinzip. Thematisch konzentrierten sich die Lehrenden der 1980er und 1990er Jahre auf architektonische Einzelbauten, vermehrt im Kunst- und Kulturbereich. Gerade die Museumsarchitektur war auf dem Höhepunkt ihres Hypes, wie die Klassenthemen von Raimund Abraham 1983, Gustav Peichl 1987 und Hans Hollein und Arata Isozaki 1991 belegen.[3] Auch Bauen innerhalb der Stadt Salzburg war ein attraktives Entwurfsfeld und neben dem Bekanntheitsgrad der eingeladenen Lehrenden empfand Wieland Schmied dies als einen von beiden entscheidenden Faktoren des „besondere[n] Stellenwert[s] der Architektur im Rahmen der Akademieprogramme“.[4]

Die starken städtebaulichen Leitlinien der vergangenen Jahrzehnte waren soweit gefestigt und wurden nicht mehr zu städtischen Bürgerinitiativen weiterentwickelt. Dennoch blieb das Thema in den 1980er Jahren – in abstrahierter Form und mit Fokus auf Erhaltung des Erkämpften – aktuell: 1983 bei Vittorio Magnago Lampugnani mit Die Idealstadt, 1984 bei Friedrich Achleitner und Friedrich Kurrent mit drei Themen innerhalb der Salzburger Altstadt (Neubau Museum Carolino Augusteum, Franz-Rehrl-Platz und Salzachufergestaltung) oder 1986 bei Otto Steidle zu Anstatt – Stadt – Vorstadt. Erhaltung war insofern auch ein wichtiges Thema innerhalb der Klassen, unabhängig von der konkreten Aufgabenstellung, da 1967 das Altstadterhaltungsgesetz veranlasst, 1980 die Sachverständigenkommission für die Altstadterhaltung gegründet und die Salzburger Altstadt 1997 zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

 

3.2.     WIRTSCHAFTSPOLITISCHE SYSTEME – ARCHITEKTUR UND STADT

Ebenfalls in den 1980er Jahren wurde ein bedeutendes Organ gegründet: der Salzburger Gestaltungsbeirat. Dietmar Steiner nennt dieses Gremium in seiner für diesen Abschnitt wichtigen Publikation „Das Salzburg-Projekt. Entwurf einer europäischen Stadt“ von 1986 als einen Meilenstein in der Entwicklung der Salzburger Architekturreform.[5] Diese beginnt laut Steiner in einer Vorgeschichte bei Hans Sedlmayr und seinem Mahnen in den 1960er Jahren zur Erhaltung der Salzburger Altstadt. Sedlmayr, bis heute prägend innerhalb der Kunstgeschichte und seines Zeichens erster Ordinarius des Instituts für Kunstgeschichte an der 1962 neu gegründeten Universität Salzburg, forderte v.a. in seinen beiden Schriften „Die demolierte Schönheit – ein Aufruf zur Rettung der Salzburger Altstadt“ von 1965 und „Stadt ohne Landschaft – Salzburgs Schicksal morgen“ von 1970 die Bürger der Stadt aktiv auf, gegen den „teuflischen Plan“ der Zerstörung des Naturraumes und der historischen Altstadt durch unnötige Neubauten vorzugehen. Diese Bürgerbewegung verhalf nicht nur der Stadt Salzburg zur Bewahrung des nach wie vor geschützten und schützenswerten Grünraumes (Deklaration geschütztes Grünland, 1977), sondern förderte darüber hinaus die Wahl von Johannes Voggenhuber zum Stadtrat für Stadtplanung, Baubehörde und Umwelt. 1982 markiert somit eine Neuorientierung der gesamten Stadtpolitik, und der davon abhängigen Bauplanung. Wie aus den Sanierungsbilanzen zur Regeneration der Altstadt, auch genannt Salzburger Altstadtinitiative, zwischen 1983 bis 1985 hervorgeht, konnten große Verbesserungen der Lebensqualität durch zahlreiche Maßnahmen erzielt werden, wie der Erhebung von Bauzustand und Struktur zur mittelfristigen Planung von Sanierung und Instandhaltung, den Demolierungsstopp für Altstadthäuser, den Umwidmungsstopp von Wohnungen, die Förderung für Beseitigung von „alten Beeinträchtigungen“ (der letzten 30 Jahre) des Altstadtbildes, die Einführung der Fußgängerzone, die Mönchsberggarage, die Schaffung eines Grünmarktes, Kunstmarktes und von Schanigärten sowie durch den Ausbau des Radwegnetzes und die Schaffung von Radständern in der Fußgängerzone. Zusätzlich wurden ein verkehrspolitisches Ziel- und Maßnahmenkonzept sowie städtebauliche Leitbilder erarbeitet. Letztere entstanden aus dem Wunsch heraus, die Utopien der 1960er Jahre endgültig abzustreifen und in den 1980er Jahren eine Art „neue Gründerzeit“ einzuleiten.

Aus genannten Vorarbeiten, der Wiederbelebung und Rettung der Altstadt, der Grünlanddeklaration und den verkehrspolitischen Maßnahmen, hin zu einem Entwurf für eine „europäische Stadt“ entstanden erste Tendenzen hin zu einem Gestaltungsbeirat. Voggenhuber stellte dabei bei seinem Amtsantritt 1982 konkret die bisherige Begutachtung von Projekten in Frage. Da diese von zwei beamteten Architekten durchgeführt wurden, witterte Voggenhuber einen Hang zum „Angepaßten, Mittelmäßigen und eine Behinderung von Neuem und Anspruchsvollem.“[6] Die Alternative war schnell gefunden: 1983 wurde der erste Salzburger Gestaltungsbeirat – der erste seiner Art in Europa – gegründet. Auf 2 Jahre beschränkt um die Vielfalt neuer Ansätze stets zu fördern, wurden Wilhelm Holzbauer zum Vorsitzenden sowie Gino Valle, Friedrich Achleitner, Otto Breicha und Gerhard Garstenauer zu Mitgliedern bestellt. Trotz anfänglich starkem Widerstand gegen eine solche „Geschmacksdiktatur“, wie es von Seiten der Bauträger und Architektenschaft hieß, konnte der Gestaltungsbeirat in den ersten beiden Jahren die Begutachtung von fast 60 Projekten vornehmen – eine erstaunliche Leistung für eine ehrenamtliche Tätigkeit.

Welche Rolle spielt nun die Sommerakademie bei diesem politischen Diskurs? Nicht nur waren die aufgebrachten Bürger der 1970er Jahre zum Teil anführt von Architekten wie Pierre Vago, der über Jahre (1972, 1976-1978, 1980) Lehrender an der Sommerakademie war. Vor allem ist die Verflechtung des Gestaltungsbeirats mit den Protagonisten der größtenteils österreichischen Architektenschaft an der Sommerakademie spannend. 1983 war wie erwähnt Wilhelm Holzbauer Vorsitzender des Gestaltungsbeirates. Ihm folgten 1986 bis 1988 Friedrich Achleitner, von 1988 bis 1991 Gustav Peichl und von 1991 bis 1994 Otto Steidle nach, allesamt Lehrende in diesem Zeitraum der Ära Wieland Schmied (1981-1999).[7]

 

3.3.     (INTER-)NATIONALE DISKURSE – THEORIEN UND BAUTEN DER POSTMODERNE IN ÖSTERREICH

Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass der theoretische Diskurs in der österreichischen Architektur ab den 1980er Jahren – auch aus Gründen der historischen Objektivierung – bisher noch nicht umfassend aufgearbeitet wurde. Fragen nach der Beziehung zur Postmoderne und anderen nationalen wie internationalen Bezugssystemen werden hier laut und sollen in der angedachten Dissertation über eine Zusammenfassung der Theorien der Postmoderne (gerade in Nordamerika und Deutschland) hin zu einem Sammeln und Analysieren von zeitgleichen Schriften und Theorien der Protagonisten der Sommerakademie und deren Umkreises erörtert werden.

An der Sommerakademie versuchte Wieland Schmied den hausinternen Diskus raus in die Stadt zu tragen und vice versa. Ein Beispiel dafür liefert der deutsche Kunsthistoriker und Architekturtheoretiker Heinrich Klotz, der 1986 ein Architektursymposion zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ unter Mitwirkung von Peter M. Bode, Peter Iden, Dietmar Steiner und Martin Warnke leitete. Das zweitägige Programm (5. und 6. August) sah eine Begrüßung durch Wieland Schmied und den Landeshauptmannstellvertreter Wolfgang Radlegger vor sowie Vorträge zu folgenden Themen: Zur Einleitung in die Thematik: Die Nike von Lienz in Frankfurt/Main (Heinrich Klotz), Kunst im öffentlichen Raum am Beispiel Salzburg (Dietmar Steiner), Kunst im öffentlichen Raum am Beispiel München (Peter M. Bode), Das Engagement der Künstler (Diskussionsbeiträge von Georg Meistermann, Oswald Oberhuber, Josef Pillhofer, Karl Prantl und Hannsjörg Voth), Nein, sie ist nicht für alle da! Mißverständnisse öffentlicher Kulturpolitik, dargestellt an zwei gegenläufigen Beispielen aus Frankfurt und Basel (Peter Iden), Private und öffentliche Kunst (Martin Warnke). Am Nachmittag des zweiten Tages wurde zudem eine Exkursion zum Kiefersteinbruch Fürstenbrunn unternommen, wo zeitgleich das Steinbildhauer-Symposion stattfand. [8] Klotz lag seit den Vorbereitungen 1985 daran, die Veranstaltung einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen und sie entsprechen unter bekannten Künstlern und Architekten sowie in der überregionalen deutschsprachigen Presse zu bewerben.[9] Welche Resonanz das Symposion in der Presse und bei den Teilnehmenden erzeugte bedarf weiter Recherche.

Die Liste kann entsprechend erweitert werden: bereits 1982 fand ein Symposion statt, welches die Klassen von Holzbauer und Peichl in Kooperation mit dem ORF begleitete. Es hatte zum Thema „Zeitgenössische Architektur – Wege oder Irrwege?“. Dazu erschien eine gleichnamige Publikation.[10] Auch das interdisziplinäre Seminar „Für Natur- und Menschengerechtes Bauen“ von Friedensreich Hundertwasser, dem Architekten Efthymios Warlamis und dem Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibsfeldt 1988 fällt in genannte theoretisierende Ausrichtung.[11] Der bereits hier augenscheinliche Aspekt der Auflösung starrer Definitionen der Architektur und das Austauschen von Termini soll im folgenden Kapitel detaillierter besprochen werden.

 

4.        NEUPOSITIONIERUNG, TERMINOLOGIE, UMBRUCH

4.1.     DIE 1980ER JAHRE ALS ZEIT DER ARCHITEKTONISCHEN NEUPOSITIONIERUNG?

So sehr der Versuch Wieland Schmieds, die Salzburger Sommerakademie umfassend Instand zu setzen und mit neuen Impulsen auszustatten anerkannt werden muss, so sollte doch hinterfragt werden, welche Brüche daraus resultierten und wo er scheiterte. Das Anlasten einer Krise wäre dabei vereinfacht – dennoch muss die Periode der 1980er Jahre vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Hintergründe in Salzburg und darüber hinaus betrachtet werden, um eine Sensibilität für den oft zitierten „Konservatismus“ dieser Zeit zu schaffen. Waren die 1980er Jahre eine Zeit der Neupositionierung für die Architektur in Österreich, für die Architekturklassen der Sommerakademie? In welche Richtung fand eine Entwicklung statt?

Noch 1985 lobt Wieland Schmied die hohe Qualität der Architekturklassen, die damit

wesentlich zum Bild der Sommerakademie betragen, gegenüber John Hejduk.[12] Diese Qualität, die in den 1980er Jahren vielleicht durchaus noch bestand, nimmt dann in den 1990ern zunehmend ab. 1992, 1993 sowie 1997 wird anstelle einer Architekturklasse eine Designklasse unter der Leitung von Paolo Piva angeboten, 1994 der eingeladene Daniel Liebeskind nach einem einzigen Aufenthaltstag kurzfristig durch Kent Martinussen ersetzt und 1996 findet keine Klasse statt. Mit dem Beginn des Direktoriums von Barbara Wally (1999-2008) kommen fast ausschließlich japanische ArchitektInnen (zum ersten Mal auch Frauen) mit immer abstrakter werdenden Themen zum Zug und mit dem Direktorium Hildegund Amanshausers (seit 2009) findet die seit 1953 bestehende Tradition der Architekturklassen einen vollständigen Abbruch. Die 2015 und 2016 eingeladenen Architekten von feld72 leiten bezeichnender Weise eine Klasse für Kunst im öffentlichen Raum.

In wie weit wurde das Potential der Lehrmethoden mit dem Ende des offensichtlich positiven gesellschaftlichen Einflusses der 1960er und 1970er Jahre in der Folgezeit ausgeschöpft bzw. ging es gänzlich verloren? Was bedeutet es für eine Institution wie die Sommerakademie bzw. auch für Bildungseinrichtungen mit vergleichbarem Niveau einen von drei Gründungsschwerpunkte zu verlieren? Ist die Interdisziplinarität bzw. das Lehren von Architektur über die Umwege anderer Disziplinen ein Verlust des Wesens der Architektur(lehre) oder kann es als neuer Beginn gewertet werden?

 

4.2.     ARCHITEKTUR = DESIGN = URBANISMUS?

Ist Architektur nun – laut Paolo Pivas Klassentitel – Design? Lässt sie sich mit den Methoden eines Symposions zum Thema „Kunst im öffentlichen Raum“ erschließen? Was für eine Art von Urbanismus ist in diesem Kontext gemeint? Eine Exkursion über die Grenzen und Möglichkeiten von Terminologie und ihren Auswirkungen an der Sommerakademie als Paradigma für eine übergeordnete Diskussion soll hier, als Ausblick der ganzen Untersuchung, geführt werden.

 

5. LITERATUR (AUSWAHL)

Quellen

 

Archiv ISBK.

Archiv der Internationalen Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg.

 

ISBK (Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg, Eigenpublikationen)

 

ISBK 2013.

Das schönste Atelier der Welt/The World’s Finest Studio. 60 Jahre ISBK/60 years of ISBK, hrsg. v. Hildegund Amanshauser, Salzburg-Wien 2013.

 

ISBK 2004.

Band IV: Die 5. Dekade. ISBK 1993-2003, hrsg. v. Barbara Wally, Salzburg 2004.

 

ISBK 1993.

ISBK. Zwischenbilanz 1981-1993, hrsg. v. Wieland Schmied, Salzburg 1993.

 

ISBK 2004.

Band IV: Die 5. Dekade. ISBK 1993-2003, hrsg. v. Barbara Wally, Salzburg 2004.

 

A-ISBK (Architekturklassen, Eigenpublikationen)

 

A-ISBK 2001.

After Shopping. Situation Salzburg – Strategien für den Speckgürtel, Meisterklasse für Architektur und Stadtplanung an der ISBK 2001, hrsg. v. d. ISBK u. d. Initiative Architektur Salzburg, Salzburg 2003.

 

A-ISBK 1991.

Orte der Kunst/A Place for Art. Klasse für Architektur 1991 Hans Hollein & Arata Isozaki, hrsg. v. d. ISBK, Wien-Tokio-Salzburg 1993.

 

A-ISBK 1985.

Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg 1984. Architekturklasse Friedrich Achleitner Friedrich Kurrent, Salzburg-Wien 1985.

 

A-ISBK 1982.

Wege oder Irrwege der Architektur. Internationale Sommerakademie 1982, Architektur, Symposion: Wilhelm Holzbauer, Josef Paul Kleinhues, Leon Krier, Gustav Peichl, Bruno Reichlin, Gino Valle, hrsg. v. d. ISBK, Wien 1983.

 

Sekundärliteratur

 

Achleitner 1980.

Achleitner, Friedrich: Österreichische Architektur im 20 Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden, Bd. 1: Oberösterreich, Salzburg, Tirol, Vorarlberg, Salzburg-Wien 1980.

 

Achleitner 1990.

Achleitner, Friedrich: Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert. Ein Führer in vier Bänden, Bd. 3/1: Wien, 1.-12. Bezirk, Salzburg-Wien 1990.

 

Bode/Peichl 1960.

Bode, Peter M., Peichl, Gustav: Architektur aus Österreich seit 1960, Salzburg-Wien 1960.

 

Fritz 2013.

Fritz, Martin: Humanismus, Pluralismus, Globalisierung. Sechs Jahrzehnte Internationale Sommerakademie für Bildende Kunst Salzburg, in: ISBK 2013, S. 16-49.

 

Hölz 2015.

Hölz, Christoph (Hg.): Gibt es eine Holzmeister-Schule? Clemens Holzmeister (1886-1983) und seine Schüler (Publikation zur zweiten internationalen Holzmeister Fachtagung „Gibt es eine Holzmeister-Schule? Clemens Holmeister (1886-1983) und seine Schüler“ vom 16. Bis 18. Oktober 2014 im Archiv für Baukunst der Universität Innsbruck), Innsbruck 2015 (Schriftenreihe des Archivs für Baukunst im Adambräu 8).

 

Jencks 1988.

Jencks, Charles: Die Sprache der postmodernen Architektur. Entstehung und Entwicklung einer alternativen Tradition (The Language of Post-modern Architecture, dt.), aus d. Engl. übertr. v. Nora v. Mühlendahl-Krehl, 3. erw. Aufl., Stuttgart 1988.

 

Klotz 1984.

Klotz, Heinrich (Hg.): Revision der Moderne. Postmoderne Architektur 1960-1980 (Kat. Ausst., Deutsches Architekturmuseum, Frankfurt a. M. 1984), München 1984.

 

Raspotnig 2007.

Raspotnig, Paul: Planungsbegutachtung durch Gestaltungsbeiräte. Das Salzburger Modell und seine Nachfolger in Österreich (Diss., Technische Universität Wien), Wien 2007.

 

Schmied 2008.

Schmied, Wieland: Lust am Widerspruch. Biographisches, Stuttgart 2008.

 

Sedlmayer 1970.

Sedlmayer, Hans: Stadt ohne Landschaft – Salzburgs Schicksal morgen, Salzburg 1970.

 

Sedlmayer 1965.

Sedlmayer, Hans: Die demolierte Schönheit. Ein Aufruf zur Rettung der Altstadt Salzburg, Salzburg 1965.

 

Steiner 1986.

Steiner, Dietmar (Hg.): Das Salzburg-Projekt. Entwurf einer europäischen Stadt, Architektur-Politik-Öffentlichkeit, Wien 1986.

 

 

 

[1]   Den Posten des Direktors – eine Verbindung des Präsidiums und der Geschäftsführung in eine Person – gab es erst mit Barbara Wally ab 1999.

[2]   Fritz 2013, S. 31.

[3]   Als Laurids Ortner, der zu dieser Zeit gerade an der Ausführung des Museumsquartiers Wien arbeitete, 1993 vorschlug ebenfalls den Museumsbau als Schwerpunkt seiner Klasse zu wählen, erwiderte Wieland Schmied höflich: „Was das Thema Ihrer Klasse betrifft, so möchte ich Ihnen freie Hand lassen und bin für Ihre Vorschläge offen. Allerdings hat sich das Museumsthema nach verschiedenen Ansätzen in den letzten Jahren (Peichl, Abraham, Hollein) etwas erschöpft.“ (Wieland Schmied: Brief an Laurids Ortner, 30. Oktober 1991, S. 1-2, Archiv ISBK.) Ortner wählte daraufhin unter dem Titel „Netz Europa“ „Große Gebäude“ an Verkehrsknotenpunkten der Peripherie zum Thema.

[4]   „Zum anderen bot und bietet die Stadt Salzburg mit ihrem einzigartigen Stadtbild in all diesen Jahren vielfältige und reizvolle Anregungen für die Architekturstudenten aus aller Welt, sich mit den Problemen heutigen Planens und Bauens im Rahmen eines historisch gewachsenen städtebaulichen Ensembles auseinanderzusetzen.“ Wieland Schmied: Vorwort für Architekturbroschüre, o.J. [1982], Archiv ISBK.

[5]   Steiner, Dietmar (Hg.): Das Salzburg-Projekt. Entwurf einer europäischen Stadt, Architektur-Politik-Öffentlichkeit, Wien 1986.

[6]   Steiner 1986, S. 90.

[7]   Gestaltungsbeirat. Frühere Beiratsmitglieder im Überblick (21.9.2015), URL: https://www.stadt-salzburg.at/internet/wirtschaft_umwelt/stadtplanung/gestaltungsbeirat/fruehere_beiratsmitglieder_im_ueberblick_393744.htm (Zugriff am 18.10.2016).

[8]   Archiv ISBK, Architektur 1986. Dietmar Steiner wurde im Programm zeitlich vorgerückt, an die Stelle von Friedrich Achleitner, der aus noch ungeklärten Gründen nicht kommen konnte.

[9]   Heinrich Klotz: Brief an Barbara Wally, 27. September 1985, Archiv ISBK.

[10] Wege oder Irrwege der Architektur. Internationale Sommerakademie 1982, Architektur, Symposion: Wilhelm Holzbauer, Josef Paul Kleinhues, Leon Krier, Gustav Peichl, Bruno Reichlin, Gino Valle, hrsg. v. d. ISBK, Wien 1983.

[11]         ISBK. Zwischenbilanz 1981-1993, hrsg. v. Wieland Schmied, Salzburg 1993, S. 86f.

[12] Wieland Schmied: Brief an John Hejduk, 23. September 1985, Archiv ISBK. ....