Automatismen und Architektur; Medien, Obsessionen, Technologien

Übersicht

Selbststeuernde Technologien durchdringen zunehmend Objekte des alltäglichen Gebrauchs, Räume des privaten und öffentlichen Lebens, sowie soziokulturelle Strukturen. Architektur steht vor der Herausforderung, Konzepte für eine gebaute Lebenswelt zu entwickeln, deren Elemente sich unwillkürlich steuern, als wären sie lebendig.
Dafür gibt es keine Referenzen, denn die westliche Kultur ist von klassischen Kategorien geprägt, die Lebendes und Unbelebtes, Gemachtes und Gewordenes, Subjektives und Objektives, Dinge und Menschen als duale Gegensätze verstehen. Die inhärente Vermischung klassisch streng getrennter Kategorien zieht neue Fragestellungen nach sich: Inmitten dieser massiven qualitativen Veränderungen stellen sich heute Fragen darüber was selbsttätig geschehen oder entstehen soll und was beeinflussbar bleiben muss, obwohl deren zukünftige Effekte noch weitestgehend unklar sind. Für die Konzeption von Lebenswelten stellen sich Fragen nach wünschenswerten Relationen von automatischen Technologien mit Menschen, Objekten und räumlichen Strukturen. Für die Konzepte und Designs von Architektur und Urbanistik stellen sich Fragen nach den Agenten und Akteuren von Selbsttätigkeit.

Im Essay werden diese zeitgenössischen Herausforderungen in mediale, technische und technologische Themen differenziert. Verschiedenste Protagonisten haben im Verlauf der jüngeren Architekturgeschichte ihre Obsessionen an unterschiedlichen Formen von Selbst-Tätigkeit auf die jeweils aktuellen technischen und gesellschaftlichen Situationen angewandt. Dabei haben sich nicht nur erwartete, sondern vor allem unerwartete Wirkungen eingestellt. Parallel zu diesen Beispielen identifiziert das Essay kulturelle Themen, die im Zuge der automatisierten Einflussnahme auf Lebenswelten wichtig werden. An den Protagonisten und den Themen zeigen sich die mannigfaltig, schillernden Phänomene rund um das Automatische – sie können mit dem Begriff Automatismen angesprochen werden. Der Begriff wird in verschiedensten Feldern bereits angesetzt, wie etwa in Soziologie, Kognition, Ökonomie und Philosophie. Das Essay zeigt wie Automatismen speziell für Architektur und Urbanismus prägend sind. Sie werden in Körpertechniken und Kulturtechniken realisiert und durch Konstruktionen, Konditionierungen und Konventionen aktiviert. Dabei verweisen sie auf zwei bislang beinahe unbekannte Ursprünge zeitgenössischer Architektur im Zeitalter der Revolutionen.
Überraschenderweise zeigt die Untersuchung, dass Automatismen in Widerspruch zu den Kardinaltugenden der klassischen Architektur stehen: zu bewusster Gestaltung von Raum, rationaler Planung von geregelten Prozessen und engagierter Einflussnahme auf soziokulturelle Geschehnisse. Doch für die unter Veränderungsdruck von Medien, Techniken und zunehmend selbsttätiger werdenden Technologien geratenen Lebenswelten, eröffnet der Zugang seitens Automatismen, Potentiale für zeitgenössische Neukonzeptionen.

 

Kurzbeschreibung

Wie kommt das Fremde in die Architektur und wie entsteht das Neue in ihr?
Jorge Luis Borges beschreibt, wie Wissenschaft auf die Welt einwirkt und wie Imagination gleichzeitig Wirklichkeit erzeugt. In einer rätselhaften Kurzgeschichte1 erzählt er, wie ein Objekt, das vertraut scheint, überraschend auftaucht. Wie fremd es in Wirklichkeit ist, wird aber rasch offensichtlich. „Die blaue Nadel strebte dem magnetischen Pol zu; die metallene Fassung war konkav; die Buchstaben auf dem Zifferblatt entsprachen einem der Alphabete von Tlön. Das war das erste Eindringen der phantastischen in die reale Welt.“ Dieses Objekt ist das erste materielle Zeichen eines kulturellen Umbruchs, der längst in Entwicklung befindlich ist. Es codiert ein selbsttätiges Phänomen in vertrautes Design und in eine noch fremde, eigenständig wirkende, sozio-kulturelle Konvention. Borges lässt in seiner Geschichte nur eine Seite der Zusammenhänge anklingen. Denn wechselseitig wirkt auch die Welt auf die Wissenschaft und die Wirklichkeit hat an der Erzeugung von Imagination Anteil. Wie ist das kulturelle Feld Architektur in diesen Transformationen zwischen Wissenschaft und Lebenswelt sowie Imagination und Wirklichkeit situiert? Darüber hinaus wirken solche Transformationen auch zwischen allerlei anderen kulturellen und subjektiven Feldern und sind überdies vielfältig verwoben. Wie kann Architektur gleichermaßen eine vielfältige Kulturtechnik und Projektionsfolie für Kultur sein?

Heute durchdringen selbststeuernde Technologien zunehmend Objekte des alltäglichen Gebrauchs, Räume des privaten und öffentlichen Lebens sowie soziokulturelle Strukturen. Architektur steht vor der Herausforderung, Konzepte für eine gebaute Lebenswelt zu entwickeln, deren Elemente sich unwillkürlich steuern, als wären sie lebendig. Dafür gibt es keine Referenzen, denn die westliche Kultur ist von klassischen Kategorien geprägt, die Lebendes und Unbelebtes, Gemachtes und Gewordenes, Subjektives und Objektives, Dinge und Menschen als duale Gegensätze verstehen. Die inhärente Vermischung klassisch streng getrennter Kategorien zieht eine umfassend neue Richtung von Fragestellungen nach sich: wie und wo Prozesse anliegen, wer oder was der Agent eines Ablaufs ist, ferner welche Effekte und Beziehungen aus selbsttätiger Steuerung und Kontrolle entstehen. Für Konzeption und Design stellen sich Fragen danach, was selbsttätig geschehen oder entstehen soll, und nach dem, was beeinflussbar und deshalb gestaltbar bleiben muss.

In der Medien- und Techniktheorie gibt es zumindest drei große Gruppen von Ansätzen, Technik zu verstehen: die Projektion von organischen Funktionen, wie etwa Prothesen (Plato, Kapp, McLuhan), die Vorstellung von Technologie als Superstruktur der Gesellschaft (Marx, Mumford) und die Idee von Emergenz (Alltagstheorie). Im Architekturdiskurs sind Überlegungen zu Medien und Technologien traditionell weitgehend separierte Themen, da sie zu verschiedenen Zeiten relevant wurden und unterschiedliche Konzepte ausprägten. Zudem werden Technologien und Techniken synonym gehandhabt. In diesem Essay ist, als ein Beitrag zu den Medien und Technikdiskursen der Architektur, eine Untersuchung dieser zeitgenössischen Herausforderungen zusammengefasst. Es werden mediale, technische und technologische Themen differenziert und es wird nach einem gemeinsamen Hintergrund gesucht.
Die Untersuchung fokussiert auf Eigenschaften von Medien, Techniken und Technologien, die in unterschiedliche Formen von Selbsttätigkeit ausgeprägt sind. Der Wunsch nach dem Geschehen-lassen von Funktionen und Entstehen-lassen von Effekten kann als Motivation für selbstständige, automatisierte Technologie vermutet werden. Automat, Automation und automatisch sind im technologischen wie im alltäglichen Vokabular sehr speziell definiert.
Die schillernden Bedeutungen rund um das Automatische können mit dem Begriff Automatismen angesprochen werden. Er wird in verschiedensten Feldern gleichartig angesetzt, wie etwa in Soziologie, Ökonomie, Philosophie, Kognition und Technik. Das Essay identifiziert kulturelle Themen, die im Zuge der automatisierten Einflussnahme auf Lebenswelten wichtig werden.
Automatismen sind prägender Teil von Techniken, sie werden in Körpertechniken und Kulturtechniken realisiert, oder durch Konstruktionen, Konditionierungen und Konventionen aktiviert. So wird etwa bei Kulturtechniken wie Forstwirtschaft, Landwirtschaft oder Bewässerung erkennbar, wie die ökonomische „unsichtbare Hand des Marktes“ und soziologisch Muster der Flächenbesetzung mit rationalen Prozessen zusammenwirken, um als Verfahren bestimmte, kulturell sinnvolle Abläufe zu generieren. In der Architektur wirken Automatismen etwa bei Le Corbusier in der gescheiterten ‚respiration exacte’ zur Entwicklung seines Vokabulars, bei Buckminster-Fuller in Asymmetrien von Struktureigenschaften bei seiner Adaption des Synergiebegriffes, oder zeitgenössisch bei R&Sie in ihrer Ästhetik der somatischen Erfahrung von episodischen Empfindungen.
Überraschenderweise zeigt die Untersuchung, dass Automatismen in Widerspruch zu den Kardinaltugenden der klassischen Architektur stehen: zu bewusster Gestaltung von Raum, rationaler Planung von geregelten Prozessen und engagierter Einflussnahme auf soziokulturelle Geschehnisse.

Um diese Zusammenhänge zu untersuchen, ist das Essay in vier Teile geteilt, zirkulär referenziell gegliedert und entwickelt schließlich eine Hypothese in der Tradition des abduktiven Schlusses. Zwei relativ unbekannte Ursprünge der modernen, postmodernen und zeitgenössischen Architektur fassen Anfang und Ende des Essays als ahistorische, theoretische Narration: In der Epoche der Revolutionen der westlichen Kultur finden sich zeitgleich das Oeuvre Jean-Eugène Robert-Houdins, Begründer des Illusionismus und passionierter Automatenbauer, sowie Adolphe Lances weitblickende “Encyclopédie D´Architecture”. Bereits etwa drei Generationen vor Beginn der klassischen Moderne der Architektur findet die in Vergessenheit geratene mediale Inkubation der Architektur statt – gemeinsam mit der technologischen Matrize, die letztlich kanonisiert wurde. So ist der erste Abschnitt “Inkubationen” der Poesie und Pragmatik des Lebens mit Apparaten gewidmet. In der Epoche der Revolutionen treffen neue Formen von Individualität, Spektakel und Experimente in allen Lebensbereichen in der gebauten Lebenswelt auf neue Technologien. Sie entwickeln bis heute prägende soziokulturelle Transformationen.
Davon ausgehend stellt der Abschnitt “Obsessionen” Konzepte von 13 Projekten vor, die sich nicht scheuten, die avanciertesten Medien, Techniken und Technologien ihrer Zeit entweder extensiv einzusetzen, oder konstitutiv für ihre architektonische Idee zu verwenden. An diesen Projekten werden die Automatismen im Hintergrund von bestimmenden Ideen analysiert. Erkennbar wird, inwiefern sie zur soziokulturellen Umsetzung von Medien, Techniken und Technologien vermittels Architektur beitrugen und weiters, wie diese Ideen von unterschiedlichen Protagonisten zu verschiedenen Zeiten erforscht und zu Themen der Architektur gemacht wurden. Solcherart generieren diese Prozesse auch die Quellen ihrer eigenen Poesie und gestalten so, in der Art wie Jorge Luis Borges Kafka analysiert, die etablierten Bedeutungen im Vergangenen als auch im Zukünftigen um.
Der Bedeutung dieser Themen widmet sich “Achsen & Risse”, wie sie von Michel Foucault als historisch fragmentiertes Bündeln von Regeln beschrieben wurde. Mit Hilfe der kulturellen Ursprünge des Technikdiskurses, Platos Schreiben und Aristoteles Automaten, wird eine Suche nach abstrakten Maschinen oder systematischen Assemblagen, die selbstständig agieren, unternommen. Denn im Verlauf des Diskurses über Projekte, Themen und Bedeutungen stellt sich eine Art Konditionierung der kulturellen Wahrnehmung ein. Dabei werden Themen und Bedeutungen von den Protagonisten unabhängig. Die somit entstandene kulturelle Mannigfaltigkeit wird als polarisierende Achsen zwischen thematischen Gegensätzen und als Risse zwischen Bedeutungsfeldern in 28 Diskursthemen beschrieben, wie etwa Abkapseln & Adaption, Organismus & Netzwerk sowie Psyche & Apparat.
Im Resümee der “Matrizen” wird der Ansatz einer Theorie sichtbar, die versucht, nicht vom Körperlichen oder Organischen auszugehen wie Organprojektion oder Prothese, nicht vom Sozialen oder Technik als Superstruktur und auch nicht vom Emergenten der Eigendynamik der technologischen Entwicklung – sondern von dem mannigfaltigen Phänomen der Automatismen. Dieser Zugang ist nun weder einseitig anthropomorph, soziomorph oder technomorph, indem gezeigt wurde wie Automatismen wirken und so eine Gemeinsamkeit hinter diesen Ansätzen abbilden.
Damit können nun Verschiebungen in soziokulturellen Wertegefügen beschrieben werden, um so die Art der zeitgenössischen Sinnstiftung von Bedeutungen in Konzept und Design anzusetzen: Wie etwa die Verschiebung vom Abkapseln zur Adaption der Architekturobjekte, vom ‘Play’ als Ausdrucks- und Empfindungsspiel zum ‘Game’ als Wettbewerb, von der Funktionalität zum Spektakel, von der Struktur zur Performanz oder vom fragmentierten Objekt mit dem Ideal der abgekapselten Organischen Einheit zur variablen Vernetzung mit dem neuen Ideal des Adaptiven Cluster.
Die in der Untersuchung gemachten Beobachtungen, die Momente der Faszination und Verwunderung werden als Hypothese gefasst. Es wird beschrieben, wie durch Architektur Medien, Techniken und Technologien in die Lebenswelten implementiert werden. Weiters, wie aus der Perspektive der Automatismen die Wirkzusammenhänge zwischen Medien, Techniken und Technologien für Architektur – und im erweiternden Sinn für Kultur – fruchtbar gemacht werden können. Durch den Diskurs des architektonischen Konzipierens – die Akte der Erzeugung wechselseitiger Wirkzusammenhänge in den mannigfaltigen Beziehungen von gebauter Umwelt, Medien, Techniken, Technologien und soziokulturellen Bedeutungen – trägt Architektur in autonomer Weise zur gesellschaftlichen und individuellen Sinnstiftung bei. In diesen Prozessen der kulturellen Reproduktion wird nicht nur auf die weitere Entwicklung von Technologie Einfluss genommen, sondern Kultur formiert.